Die Leseprobe für das Kinderbuch finden Sie hier.


 

 

Leseprobe aus "Das Schicksal der Götter"  (Die Leseprobe für "Das Erbe des Konstantin" findest Du unten.)

 

Wir segelten auf dem gleichen Weg um die dänischen Inseln herum, den wir von Lund gekommen waren. Das Wetter war gut und der Wind günstig. Die frische Meeresluft füllte wohltuend meine Lungen. Die Sonne leuchtete auf dem Wasser und blendete mich so sehr, dass ich die Augen kaum offen halten konnte. Ich schloss die Lider, genoss die Wärme auf meinen Wangen, hing meinen Gedanken nach und träumte von dem Reichtum, den ich auf ehrenwerte Weise, durch Handel gewinnen wollte. Plötzlich aber zog ein ganz anderer Gedanke durch meinen Kopf. Ich bekam ein ungutes Gefühl. Ich weiß bis heute nicht, ob es eine Vorahnung war oder doch nur Zufall. Mit einem Mal grübelte ich über unsere Lage nach. War es wirklich so klug gewesen, mit Ansgar zu segeln? Wir waren allein auf diesem Meer und so angreifbar wie nie zuvor. Die Kriegsschiffe, die den Marktfrieden sicherten, lagen weit hinter uns und unser Knorr hatte genug Tiefgang, um allen Seeräubern dieser Welt zu sagen: Hier gibt es reiche Beute.

Ein Überfall war fast nur eine Frage der Zeit. Ich grauste die Stirn, dachte nach, versuchte das Brennen in meinem Bauch zu ignorieren. Bithia trat mit unserer Tochter neben mich, ich öffnete meine Augen, blickte in die meiner Liebsten und schon waren die schlechten Gedanken vergessen. Meine Frau nahm wortlos meine Hand und schaute aufs Meer hinaus. Sie war nicht gekommen, um mit mir zu reden, sondern nur, um bei mir zu sein. Ich genoss ihre Berührungen, fuhr mit meinem Daumen über ihren zarten Handrücken und schloss erneut kurz die Augen, ich war müde.

„Bist du schon einmal vom Schaukeln des Meeres in den Schlaf gewiegt worden?“, fragte ich. Bithia lächelte mich an und schüttelte den Kopf. Liebevoll zog ich sie hinunter auf die warmen Planken, Edda kuschelte sich zwischen uns, das Schiff schaukelte sachte über die kleinen Wellen und so schliefen wir bald in der Sonne ein. Bithia konnte die Ruhe jedoch nicht lange genießen. Schlafend bemerkte ich nicht, dass sie sich aufgesetzt hatte und wieder aufs Meer hinausschaute.

„Ein Schiff“, sagte sie. Diese Worte drangen so schnell in mein Unterbewusstsein, dass ich sofort hellwach war. Abrupt setzte ich mich auf. Wir hatten den südlichsten Zipfel Schwedens hinter uns gelassen und steuerten gerade Richtung Nordost auf die Insel Öland zu, die aber noch so weit entfernt war, dass wir sie nur vage am Horizont erspähen konnten. Im Westen lag das Festland. „Dort!“ Bithia zeigte nach Südwest. Ich folgte ihrem Blick und sah nicht mehr als einen kleinen Punkt am Horizont. Ich kniff die Augen zusammen, um schärfer sehen zu können. „Verdammt“, fluchte ich und spürte das Brennen in der Magengegend wieder, deutlicher als noch zuvor. Der kleine Fleck wurde schnell größer und schon bald erkannte man ein Segel. Kjell, Kogg und Baschi gesellten sich aufgrund meines Fluches zu uns und gemeinsam starrten wir das herannahende Boot an. Keiner sagte ein Wort, angespannt spähten wir aufs Meer hinaus, meine Gefährten und ich dachten nach, die Luft knisterte.

„Es ist ein Kriegsschiff“, brach Baschi die Stille.

Das Schiff kam immer näher, hatte den gleichen Kurs. Es verfolgte uns, daran bestand kein Zweifel mehr. Um keine Panik zu verbreiten, wollte ich mit einer Warnung an die Besatzung noch warten, bis ich meine Gedanken zu einem Ende gebracht hatte. Alle möglichen Szenarien gingen mir durch den Kopf. Es konnte möglich sein, dass das Boot nur zufällig die gleiche Richtung eingeschlagen hatte, schließlich war der Weg von Haithabu nach Birka nicht ungewöhnlich und stark frequentiert. Als Ansgar unsere Unruhe bemerkte, kam er zu uns.

„Ein anderes Handelsschiff?“, fragte er naiv.

„Nein“, antwortete ich, „es ist ein Kriegsschiff.“

Er schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an: „Seid ihr da sicher?“

Ich überlegte kurz, der Mönch würde genau die Panik auslösen, die ich vermeiden wollte. Doch das Schiff kam jetzt rasend schnell näher. „Ganz sicher“, sagte ich und fasste einen Entschluss. „Hart backbord“, schrie ich dem Steuermann zu.

„Aber dann steuern wir ja auf die Küste zu“, wunderte sich Ansgar.

„Genau das“, bestätigte ich ihm.

Der Steuermann wusste nicht, was er tun sollte, warum sollte er auf meinen Befehl hören, war er doch nur Ansgar unterstellt. Die Kunde über den bevorstehenden Angriff machte jetzt die Runde, Rufe wurden laut. Entgegen meiner Befürchtungen blieb das große Chaos aus. Der Steuermann hatte das Ruder immer noch nicht eingeschlagen und aufgrund seines Zögerns lief ich zu ihm, schob ihn genervt beiseite. Er wollte sich widersetzen, hatte meinem kräftigen Griff, mit dem ich ihn vom Ruder wegzerrte, aber nichts entgegen zu setzten.

„Hart backbord“, wiederholte ich und schlug das Ruder ein. Es benötigte einiges an Kraft, das Steuer bei voller Fahrt herum zu reißen. Selbst bei einem langsamen Knorr. Die Mannschaft reagierte schnell und lehnte sich auf die Steuerbordseite, damit sich das Schiff nicht zu sehr zur Seite neigte.

Ich bezweckte zweierlei mit meinem Unternehmen. Zum ersten sahen wir, dass das Kriegsschiff ebenfalls seinen Kurs änderte, um uns abzufangen. Somit konnten wir sicher sein, dass es uns angreifen wollte. Zum anderen steuerte ich auf die Küste zu, um uns eine Flucht zu Land zu ermöglichen. Allerdings musste ich schnell erkennen, dass wir den Strand nicht mehr erreichen konnten, bevor es zu einem Aufeinandertreffen kommen würde, zu langsam, zu schwerfällig bewegte sich der Knorr auf das Land zu.

Jeder Fluchtversuch war hoffnungslos. Wir mussten kämpfen und dieser Kampf konnte nur unser Untergang sein, was hatten eine Handvoll Seeleute mit vier Kriegern einer Schiffsbesatzung kampferprobter Wikinger entgegenzusetzten?

Wir sahen jetzt deutlich den Drachenkopf auf dem Vordersteven, dessen Maul weit geöffnet war und der uns anfauchte, als wolle er unseren Tod verkünden. Auch die Männer auf dem Schiff sahen wir. Stahl blitze in der Sonne und blendete mich.

„Bringt euch in Sicherheit“, sagte ich zu Bithia, der die Angst ins Gesicht geschrieben stand. Ich küsste sie, versuchte Zuversicht auszustrahlen und nahm meinen Schild. Die anderen Männer bewaffneten sich ebenfalls.

„Haben sie Bogenschützen?“, fragte ich Baschi, der die besten Augen von uns hatte.

„Ich sehe keine“, antwortete er zu meiner Beruhigung.

Ich ging zu Ansgar, der in keiner Weise wusste, was er tun sollte. Aufgeregt wie ein Huhn rannte er durch das Schiff. Dieser Mann war ein Rätsel. Da war er in einem Moment noch so gefasst und zog uns mit seiner Weisheit in den Bann, aber schon im nächsten Augenblick verlor er völlig die Kontrolle über sich und konnte seine Angst und Nervosität nicht verbergen. Ich drückte das Steuer dem Steuermann wieder in die Hand. „Halte es auf Kurs!“, sagte ich ihm eindringlich, dann rannte ich zu Ansgar, packte ihn am Arm. „Hört auf, hier herum zu rennen, Mönch“, schrie ich ihn an, zog ihn an seiner Kutte zu mir, so dass seine Brust die meine berührte und drücke ihm eine Axt in die Hand: „Es sind die gleichen Krieger, die die Nonne versklavten.“ Das stimmte natürlich nicht. Doch ich erinnerte mich, wie unerschrocken Ansgar auf diese Krieger zugestürmt war und sie beleidigt hatte. Ich hoffte, mit dieser Lüge seine Wut zu wecken. Erstarrt blickte er mich an, blieb mit einem Mal ganz ruhig stehen, spannte sich unter meinem Griff und umschloss den Schaft der Axt, sodass seine Knöchel weiß wurden.

„Hackt die Seile durch“, forderte ich ihn auf.

„Welche Seile?“, fragte er verwirrt, ohne jedoch den Zorn verbergen zu können, der ihn erfasst hatte.

„Die, die jetzt gleich auf unser Schiff geworfen werden. Stellt euch einfach backbord an die Reling, geht in Deckung und wartet ab, was passiert. Ihr werdet es schon sehen.“

Mit diesen Worten ging ich zu meinen Gefährten. Ihnen brauchte ich nicht zu sagen, was zu tun war, jeder von ihnen hatte so etwas schon erlebt. Auf Schiffen hatten wir kämpfen gelernt. Die Küste Norwegens besteht aus tausenden kleinen Inseln. Das Meer war unser Lebensraum und so hatten wir gelernt, auf ihm zu kämpfen. Keiner von uns hatte es jedoch jemals mit einer solch schlechten Besatzung auf seiner Seite getan.

Das Schiff war nun nur noch etwa zehn Speerwürfe entfernt. Unsere Feinde hoben den Mast ihres Bootes an und legten ihn mitsamt dem Segel längs zwischen die Ruderbänke. Wir dagegen ließen alles so, wie es war, während unsere Gegner mit den zahlreichen Rudern auch ohne die Kraft des Windes vorwärts kamen, waren wir auf den Wind angewiesen. Ein Mast ist allerdings auch eine große Schwachstelle. Wenn sich ein Enterhaken darum wickelt, kann ein Schiff schnell zum Kentern gebracht werden.

Bis zu diesem Zeitpunkt sah ich dem bevorstehenden Kampf relativ gelassen entgegen. Überhaupt herrschte eine erstaunliche Ruhe auf unserem Schiff. Ich hatte alle Hände voll zu tun gehabt und gar nicht darüber nachdenken können, was auf mich zukommen würde. Jetzt stand ich da, das Schwert in der einen, meinen Schild in der anderen Hand und wartete. Unsere Feinde hämmerten mit ihren Waffen auf ihre Schilde und schrien wilde Beleidigungen zu uns herüber. Ich war plötzlich wie gelähmt. Kruk flog davon. Er würde nicht wieder kommen, bevor der Krach zu Ende war. Er mochte den Trubel des Krieges nicht, aber wer mochte den schon. Ich schaute meinem Raben kurz hinterher, beneidete ihn darum, einfach davonfliegen zu können und richtete schließlich meinen Blick wieder auf unsere Gegner.

Mein Herz schlug schnell und ich erwischte mich dabei, wie ich meinen Schild und das Schwert so fest umklammerte, als könnte ich das Holz zerdrücken und das restliche Wasser herauspressen. Meine Sicht verschleierte und ich hörte plötzlich alles nur noch gedämpft. Ich hatte Angst.

Wer in solch einer Situation keine Angst hat, der ist kein Mensch. Alle haben Angst. Das ist auch der Grund, warum wir uns gegenseitig beleidigen und mit unseren Schwertern auf die Schilde schlagen. Wir versuchen, uns damit Mut zu machen, die Angst zu vertreiben, zu unterdrücken.

Genau das war es, was mich wieder aus meiner Benommenheit riss.

Direkt neben mir schlug Stahl auf Stahl. Kogg erwiderte mit steinernem Gesichtsausdruck das Trommeln der Schwerter auf Schildbuckel. Ich war wieder hellwach, tat es ihm gleich und schrie: „Ihr Bastarde! Ihr verpissten Hurenkinder.“

Im nächsten Augenblick waren sie nah genug bei uns. Ein Speer zischte auf mich zu. Ich duckte mich hinter meinen Schild, die Wurfwaffe flog über meinen Kopf. Ich drehte mich um, sah, wie sich Norell, Susanna und Bithia zwischen die Ruderbänke kauerten. Meine Frau schützte die schreiende Edda mit ihrem Körper. Ansgar kniete mit dem Rücken zur Reling.

„Schau zum Gegner, Mönch!“, rief ich ihm zu. Er blickte mich angsterfüllt an, lugte dann über die schützenden Bretter, um sich gleich darauf wieder zu verstecken.

Ein dumpfer Schlag brachte mich aus dem Gleichgewicht und ich musste mich mit der Schwerthand abstützen, um nicht umzufallen. Ich drehte meinen Kopf und direkt vor meinem Auge blickte ich auf eine Stahlspitze, die meinen Schild durchschlagen hatte. Ich versuchte, den Speer heraus zu ziehen, was mir auch gelang, aber die Spitze der Wurfwaffe saß nur locker auf dem hölzernen Schaft und so hatte ich nichts als einen unbrauchbaren Stock in der Hand und warf ihn ins Wasser.

Vier Enterhaken flogen in hohem Bogen zu uns herüber. Einer direkt auf mich zu, ich wehrte ihn mit dem Schild ab und er landete wirkungslos im Meer. Die anderen drei fanden ihren Weg über unsere Reling und sofort wurde an den Seilen gezogen. Verkanteten sich die Haken in unserem Schiff, konnten sich unsere Feinde an uns heranziehen und dann auf unser Deck springen. Mann gegen Mann hatten wir keine Chance, es waren zu viele. Wir mussten dieses Vorhaben auf jeden Fall vereiteln.

Ich blickte mich zur Seite um und hoffte, dass die Männer ihre Arbeit machten und die Seile kappten.

„Hackt die Seile durch!“, schrie Kjell, als hätte er meine Gedanken gelesen. Ein Haken wurde gerade über unser Deck gezogen und drang mit seinem gebogenen Eisen in die Wade eines Mannes. Er schrie laut, als die gegnerischen Krieger weiter am Seil zogen, ihn zu Fall brachten, sein Bein aufrissen, bevor sich der Haken im Holz verkantete.

„Hack das Seil durch!“, schrie ich Ansgar zu, der bewegungslos neben dem Tau stand und nur schockiert auf das Blut des Mannes starrte. Er nahm meinen Ruf wahr, brauchte aber noch einen Wimpernschlag lang, um zu verstehen, was er zu tun hatte. Schließlich hob er seine Axt und schlug zu. Das Seil war gespannt und riss schnell. Ich schaute mich benommen um. Auf Deck war das reinste Chaos. Bithias Pferd Guldfalder versuchte sich von der Leine loszureißen, mit der es an einen Balken angebunden war, wollte lieber ertrinken, als von einem Speer durchbohrt zu werden. Die Frauen schrien. Die Männer Ansgars rannten sinnlos umher.

Doch meine Freunde behielten die Nerven. Die anderen Haken wurden von ihnen über Bord geworfen noch bevor sie Halt fanden und so konnten unsere Feinde unseren Knorr keinen Schritt näher an sich heranziehen. Ich spähte hinter meinem Schild hervor und zu unserem Glück hatte das Kriegsschiff zu viel Fahrt, schoss wirkungslos an unserem Heck vorbei und war schnell außer Reichweite. Ich stand auf. „Ist das alles? Ihr seid nicht mehr wert als Kuhscheiße“, schrie ich unseren Feinden hinterher.

Susanna rannte zu dem verletzten Mann, der mit Schmerzensschreien den herunterhängenden Hautlappen an seine Wade hielt. Sie riss ein Stück ihres Kleides ab und wickelte es um die Wunde. Auch Bithia und Norell eilten hinzu und halfen. Edda schrie.

Ansgar löste sich von dem grausamen Anblick, stand auf und sah erst jetzt, dass wir den Feind vorerst los waren. Er jubelte: „Wir haben sie vertrieben. Wir haben sie besiegt.“

„Ihr seid ein Narr“, schrie ich zornig. „Wir haben sie noch lange nicht besiegt.“

Das war nichts als die Wahrheit, die Krieger drehten nur einen lang gezogenen Kreis nach Backbord. Sie ruderten diszipliniert im gleichen Rhythmus, flogen mit ungeheurer Geschwindigkeit über das Wasser.

„Sie werden uns rammen“, sagte Baschi mit einer Stimme, in der keine große Zuversicht lag.

„Sie werden auf uns auffahren und uns zum Kentern bringen“, verbesserte ihn Kjell. Damit hatte er Recht. Ein Handelsschiff war breit aber genau an der breitesten Stelle nicht sehr hoch. Wir lagen ohnehin tief im Wasser und so würde uns das Kriegsschiff mit seinem hohen Bug einfach überfahren und herunterdrücken.

Ich schaute zum Ufer. Es war noch zu weit entfernt, um es rechtzeitig zu erreichen, obwohl unser Segel immer noch gehisst war und der Wind uns weiter voran schob, wenn auch nicht mit all seiner Kraft. Wir waren ein wenig vom Kurs auf das Land abgekommen, trieben jetzt eher nach Nordwesten. Unsere Feinde kamen von Nordosten, waren aber noch weit genug entfernt. Uns blieb nicht viel Zeit.

„Du sollst den Kurs halten, du Schwachkopf“, schrie ich den Steuermann an, der zitternd das Holz des Ruders in Händen hielt. „Direkter Kurs aufs Land!“, rief ich, drehte mich dann um und erkannte, dass keine Hoffnung bestand. Der Feind war zu schnell, konnte uns weit vor dem Ufer abfangen. Ich überdachte meinen Plan.

„Wenn wir im letzten Moment beidrehen, so dass sie uns nicht an unserer empfindlichen Seite treffen können, sondern nur am Heck…“, dachte ich laut und schaute meine Gefährten an.

„Alles wäre besser, als direkt von der Seite“, sagte Kjell. Ich rannte zum Ruder, schob den jetzt vollkommen verwirrten und verängstigten Steuermann erneut zur Seite und übernahm seine Aufgabe. „Aber… ich hielt doch auf die Küste…“, stotterte er, ich beachtete ihn nicht weiter, wir hatten nur noch wenige Augenblicke. Ich schwenkte das Ruder noch weiter und steuerte jetzt wieder nach Nordwesten. Das Segel blähte sich stark und wir nahmen an Fahrt auf. Unsere Feinde passten sich schnell unserem neuen Kurs an, und fuhren direkt auf unsere Steuerbordseite zu.

Alles ging jetzt rasend schnell. Das Kriegsschiff war plötzlich nur noch einen Speerwurf entfernt.

„Schilde!“, rief ich, denn außer mir schien noch keiner bemerkt zu haben, wie nah unsere Feinde schon waren.

„Bithia, verschwinde da!“, mit einem Mal hatte ich panische Angst um sie, die Frauen standen immer noch bei dem Verletzten. Die ersten Speere zischten zu uns herüber und Bithia hechteten mit Norell und Susanna gerade noch unter eine schützende Ruderbank, bevor sich stählerne Spitzen ins Holz bohrten.

„Kjell, sag mir, wann ich beidrehen soll!“, schrie ich ihm zu, er konnte die Situation von seiner Position aus weit besser einschätzen als ich.

Er schaute konzentriert den Gegnern entgegen. Alles kam jetzt auf die zeitliche Abstimmung an.

„Jetzt!“, schrie Kjell laut und zog das Wort wie einen Kampfschrei in die Länge. Guldfalder wieherte. Nein, er schrie und das Brüllen schrillte in meinen Ohren. Ich schaute nur einen Augenblick zu ihm herüber, erkannte, dass in seinem Bauch ein Speer steckte. Ich riss am Ruder. Ein Wurfspieß bohrte sich neben mir in das Holz. Ich hörte wieder dumpfe Schläge und Schreie, legte aber meine ganze Konzentration und Kraft ins Steuer.

Es war die richtige Entscheidung beizudrehen, aber sie kam zu spät. Der kurze Augenblick, den ich dem Pferd gewidmet hatte, war ein Fehler gewesen. Ein Ruck riss mich von den Füßen. Ich klammerte mich am Ruder fest, zog mich wieder hoch, blickte zur Seite und sah, wie sich der Bug des feindlichen Schiffes auf unser Deck schob. Das Holz des Steuers stieß mir durch eine weitere Erschütterung in die Rippen und ein stechender Schmerz zog durch meinen ganzen Brustkorb. Ich ließ nicht los, versuchte weiter, das Schiff nach Backbord zu lenken, um so das gegnerische Schiff am kompletten Auffahren zu hindern. Doch auch dieser Versuch war zwecklos.

Unsere Feinde hatten uns nicht direkt von der Seite getroffen, sondern waren nur schräg aufgelaufen, aber das änderte nichts. Holzbretter barsten. Der verletzte Mann wurde unter dem Bug der Feinde zerquetscht und schrie.

Unser Schiff gab nach, wurde steuerbord einfach unter Wasser gedrückt. Auf der anderen Seite hob sich das Boot ächzend aus dem Meer, ich verlor das Gleichgewicht, stolperte in die Richtung der Gegner, fand nirgends festen Halt, fiel auf die Knie, fing mich ab, zog mein Schwert. Im Fallen sah ich, wie ein Speer einen weiteren von Ansgars Männern traf und seinen Hals durchbohrte. Er taumelte, hielt den Schaft der Wurfwaffe, als wolle er ihn aus seinem Hals ziehen, brach dann augenblicklich zusammen. Sein Kopf wurde beim Aufprall auf die Planken bizarr verdreht. Seine kalten, leeren Augen starrten mich an.

Ich riss mich von dem Anblick los, die ersten Krieger sprangen auf unser Schiff. Ich sah im Augenwinkel, wie Kogg einen an Bord springenden Mann mit seinem Schwert aufspießte und ins Wasser warf. Andere Feinde schleuderten weiter Speere auf Kjell und Baschi, die sich hinter ihren Schilden versteckten und verzweifelt versuchten, dem niederprasselnden Stahl standzuhalten. Ich hörte Schreie über mir, hob, immer noch kniend, meinen Kopf und sah einen Krieger mit erhobener Axt auf mich zu hechten. Ich schob gerade noch meinen Schild zwischen uns, während ich mich aufrichtete. Der Mann landete mit den Füßen auf meinem hölzernen Schutz, gab mir damit einen harten Stoß, der mich einfach rückwärts umstieß. Das war mein Glück, seine Axt, mit der er noch im Sprung ausgeholt hatte, rauschte knapp an meinem Kopf vorbei und der Krieger traf durch den ins Leere gehende Schwung beinahe sich selbst. Er landete hart auf den Planken, verlor das Gleichgewicht, gab mir dadurch Zeit aufzustehen. Meine linke Schulter schmerzte durch den Aufprall. Ich konnte meinen Schild kaum noch heben. Kleine Augen starrten mich an. Mein Feind senkte seinen Kopf, zog die Oberlippe zornig nach oben und fletschte die Zähne. Seine schwarzen langen Haare flogen nach hinten, als er erneut zum Schlag ausholte. Er hielt seine Waffe hoch über den Kopf und anstatt nach hinten auszuweichen machte ich einfach zwei schnelle, kraftvolle Schritte auf ihn zu und warf mich gegen ihn. Mit meinem Schwert schlug ich blind nach oben, hoffte seine Hand oder den Arm zu treffen, gab ihm einen Kopfstoß und zertrümmerte mit meiner Stirn seine Nase. Sie platzte auf, mein Gegner verdrehte benommen die Augen, stürzte und drohte, nach hinten zu fallen. Ich stieß mein Schwert in seine Brust und durchdrang Haut, Knochen, Muskeln. Der Mann schrie, Blut sickerte aus der klaffenden Wunde, spritzte auf meine Hand. Ich wollte meine Waffe frei ziehen, doch die Klinge hatte sich zwischen den Rippen verkeilt, steckte fest. Ich ruckte und zerrte an dem Schwert, bekam es nicht frei und durch das Blut auf meiner Hand und das Gewicht des toten Mannes, entglitt mir der Griff. Ich fluchte.

Im Augenwinkel sah ich, dass Kjell, Baschi und Kogg versuchten, die Feinde am Herunterspringen auf unser Boot zu hindern, aber es waren zu viele und der nächste landete rechts neben mir. Unbewaffnet drehte ich mich zu ihm um, legte all meine verbliebene Kraft in den linken Arm. Die Schmerzen in meiner Schulter pulsierten wie glühende Feuerstöße bis in meinen Kopf. Ich nahm keine Rücksicht auf diese Pein, kämpfte gegen die Qualen an und schmetterte meinem Gegner mit dem Schwung der Drehung den harten Rand des Schildes auf den Kiefer, zog dann meinen neuen Dolch aus dem Gürtel und schob dem Angreifer die Klinge unter den Rippenbogen nach oben Richtung Herz. Mein Widersacher riss den Mund auf, spuckte mir Blut ins Gesicht, kippte vorn über und begrub mich fast unter sich. Ich hatte Mühe unter seiner Last einen Schritt zur Seite zu machen und seinen toten Körper von mir zu stoßen.

Ich schaute auf, atmete schwer. Unser Schiff lag tief unter dem Bug in rot gefärbtem Wasser. Es war hoffnungslos. Immer mehr Krieger drangen auf Deck. Ich schaute zum Ufer und erkannte, dass wir darauf zugetrieben waren. Es war nur noch drei oder vier Speerwürfe entfernt.

Ich suchte meine Frau. Mit Norell, Susanna und Edda kauerte sie immer noch am anderen Ende des Bootes hinter einer Ruderbank. Guldfalder war tot, seine Beine zuckten noch.

„Bithia!“, schrie ich, doch sie hörte mich nicht, denn Stahl schlug auf Holz und Schreie erfüllten die Luft „Bithia!“, rief ich erneut und jetzt endlich blickte sie auf. „Schwimm zum Ufer!“ Sie verstand meine Worte, schaute aber mit großen, ängstlichen Augen auf mich. Sie wusste, dass ich selbst das Ufer niemals erreichen konnte. Mein Ringpanzer würde mich gnadenlos unter Wasser ziehen und ich würde ertrinken. „Schwimm!“, rief ich wieder mit flehender Stimme. Dann endlich, als ich den Schatten eines Mannes vor mir wahrnahm, sah ich, dass Bithia ihren Mantel auszog und mit Edda ins Wasser sprang. Norell und Susanna folgten ihr und auch Ansgar flüchtete sich ins kalte Nass.

Erleichtert drehte ich mich um. Ein Schwert rauschte auf meinen Kopf zu. Erneut hob ich unter brennenden Schmerzen meinen Schild und fing den Schlag ab, hatte aber keine Kraft mehr im linken Arm und so schlug mir durch die Wucht des Hiebes der Schildrand gegen meine Schläfe. Schwärze, nichts als Schwärze, mein linkes Auge war blind. Eine flimmernde Dunkelheit, die mich zu übermannen drohte, alles drehte sich um mich herum. Ich taumelte benommen, mein Schwertarm sank, der Dolch fiel zu Boden und dann traf mich ein harter, dumpfer Schlag auf die Brust. Ich spürte keinen Schmerz, nur ein betäubter Ruck ging durch mich hindurch. Ich fiel, mir wurde kalt und scheinbar schwerelos sank ich in eine tiefe, verschwommene Finsternis.

 


Leseprobe aus "Das Erbe des Konstantin"

 

„Wie viele Männer haben wir?“, fragte ich Premysl, der neben mich getreten war und mit mir auf die Moldau und weiter Richtung Norden schaute. Rauch verdunkelte den Himmel, wurde vom schwachen Regen tief gehalten und vom Wind zu uns getrieben. Wir wussten auch ohne diese Zeichen, dass Wratislaw Böhmen verwüstete und dennoch machte es uns zusätzlich missmutig.
Premysl ballte die Fäuste. „Es sind jetzt knapp zweitausend Männer.“
„Dann sind wir bereit“, sagte ich.
„Die Männer haben Angst. Sie wissen um die Stärke unserer Feinde. Sie hatten ihnen nie etwas entgegenzusetzen.“
Darauf sagte ich nichts. Auch ich wusste, dass Wratislaw ein gewaltiges Heer blutrünstiger Krieger aufgestellt hatte, das nur schwer zu besiegen war. „Wir brauchen jemanden, der den Mut der Männer weckt!“
Premysl schaute angestrengt in die Ferne. Ich folgte seinem Blick und sah auf das Wasser, das seichte Wellen ans Ufer trug. „Wir haben nie über euren Glauben gesprochen“, brach ich schließlich das Schweigen. „Bei unserer Fahrt durch Mähren sahen wir Kirchen, besonders in Mikulcice. Böhmen ist nicht weit von Mähren entfernt und doch ist das einzige christliche Zeichen das kleine hölzerne Kreuz um Neklans Hals.“
Premysl schwieg noch eine Weile, bis er mir antwortete: „Es ist schon lange her, dass vierzehn unserer höchst angesehenen Männer nach Regensburg reisten, um dort getauft zu werden. Wir zahlen jährlich Tribute an das Frankenreich und damit an die Kirche.“
Ich wartete, ob der Böhme noch weitersprechen würde, übernahm dann aber selbst das Wort: „Euer Volk aber glaubt nicht an den Gott der Franken? Ich tue das ebenso wenig. Ich bete vor jedem Kampf, dass mir meine Götter Kraft geben und noch während der Schlacht singe ich Lieder für sie, um mir Mut zu machen.“
„Odin?“, fragte Premysl.
„Der König der Götter steht über allen anderen, aber in der Schlacht gibt uns Thor seine Kraft.“ Ich holte mein Hammeramulett unter der Tunika hervor und zeigte es Premysl.
„Die Krieger unseres Landes werden vor der Schlacht zu Svantevit beten. Sie werden...“ Premysl verstummte. Ungeduldig schaute ich ihn an, bis er endlich weitersprach. „Es gibt jemanden, der den Mut der Männer wecken könnte.“
Bei diesen Worten glomm ein Funken der Hoffnung in mir auf und als Premysl erklärte, was genau er vorhatte, loderte dieser Funken zu großen Flammen auf.
Es stand uns eine Reise in den Norden zu einem Berg namens Rip bevor. Zunächst wollte ich Kjell und Kogg mit Premysl schicken, wissend, dass der Herzog und vermutlich die gesamte Kriegerschar meine Abreise als schlechtes Omen annehmen würden, aber ich war zu neugierig. Und so begleitete ich Premysl, während meine Gefährten die Männer auf den großen Kampf vorbereiteten.
Der Herzog betrachtete unser Vorhaben zwiespältig, vertraute uns schließlich doch seine besten Pferde an und ließ uns ziehen. Die Eile gebot es, dass ich weder Ringpanzer noch schweren Schild bei mir trug. Der Sax am Gürtel stellte meine einzige Waffe dar. Wir ritten durch die Wälder Böhmens und obwohl wir in Feindesgebiet vordrangen, garantierte mir Premysl, dass er genug geheime, versteckte Pfade kannte, über die wir den Berg schnell und sicher erreichen würden. Wir sprengten durch die Bäume, bis sich dichter Nebel vor den Nüstern unserer Reittiere bildete. Kleine Äste fuhren mir durch die Haare, das feuchte Laub des Vorjahres wurde von den Hufen aufgewirbelt und Premysls Pferd schleuderte immer wieder Erdbrocken an meine Brust. Kruk flog über unsere Köpfte hinweg, hatte trotz der Geschwindigkeit Spaß daran, durch die Äste zu rauschen und stieg über die Kronen der Bäume hinauf, um sich bald darauf wieder ins dichte Blätterdach zu stürzen.
„Wie lange werden wir in dieser Geschwindigkeit reiten können?“, rief ich nach vorn.
Premysl drehte sich kurz zu mir um. „Wir werden am Mittag am Fuße des Berges ankommen. Die Schwierigkeit wird darin bestehen, die Höhle zu finden.“
Ich nickte, obwohl ich wusste, dass Premysl meine Geste nicht sehen konnte, weil er sich längst wieder auf den Waldboden konzentrierte, der von gefährlichen Wurzeln durchzogen war. Nur ein einziges Mal hielten wir an und auch nur, weil wir einige Männer in der Ferne ausmachten, von denen wir nicht wussten, ob sie Freund oder Feind waren. Premysl führte uns über einen anderen Weg um sie herum, bevor wir wieder in vollem Galopp unserem Ziel entgegenritten. Ich spürte, dass mein Pferd schwitzte und mir taten bald alle Knochen weh, ignorierte den Schmerz, war aber trotzdem erleichtert, als wir am Berg ankamen, noch bevor die Sonne ihren Höchststand erreicht hatte. „Wir lassen die Pferde hier. Sie können sich am Gras satt fressen, während wir den steinigen Pfad hinaufklettern.“
„Willst du die Pferde nicht festbinden?“, fragte ich. Der Böhme war schon dabei, den Berg zu erklimmen. „Sie werden wiederkommen, wenn ich sie rufe. Es sind unsere treusten und besten Tiere. Sie werden sich etwas zu trinken suchen müssen, und dann werden sie wiederkommen.“
Ohne darauf zu antworten, folgte ich ihm und gemeinsam kletterten wir die Felsen empor. Immer wieder rutschte ich fluchend auf dem Geröll aus, bis Premysl stehen blieb und sich suchend umblickte. „Es muss auf dieser Höhe sein. Ich habe mir einst diesen Felsen genau eingeprägt.“ Er legte seine Hand auf einen markanten Stein. „Aber es ist lange her und der Eingang der Höhle scheint nicht immer am selben Ort zu sein.“
Ich schmunzelte in mich hinein. Diese Art von Abenteuer mochte ich und war gespannt, was für ein Zauberwerk mich erwartete. „Hier!“, rief der Böhme und streckte seine Hand zwischen zwei Felsen hindurch. Ich lief ein wenig misstrauisch zu ihm. Der Eingang war so klein, dass ich mich nicht nur bücken, sondern nach wenigen Schritten auch zur Seite drehen musste, weil die Felsen immer enger aneinander standen. Ich kam nur noch mit seitlichen Schritten voran, konnte aber immerhin wieder aufrecht stehen. „Bist du dir sicher, dass das der richtige Weg ist?“, fragte ich, ohne eine leichte Aufregung in meiner Stimme verstecken zu können.
„Es ist jetzt nicht der richtige Ort, um solche Fragen zu stellen.“
Ich verstummte. Premysl hatte überraschend eindringlich und bestimmend gesprochen. So gehorchte ich und versank in Ehrfurcht, als das Tageslicht vollständig verschluckt war und wir einen größeren Raum erreichten. Ich sah nichts, konnte mich aber wieder frei bewegen, roch die feuchte modrige Luft und hörte meinen schnellen Atem, der nicht nur durch den anstrengenden Aufstieg rasselte. „Premysl“, flüsterte ich. Schwärze umhüllte mich, ich sah meinen Gefährten nicht, hörte nur das Blut durch meine Ohren rauschen.
„Psst“, ermahnte mich der Böhme erneut.
Ich tastete mich mit den Händen an der Wand entlang. Endlich konnte ich mich an den leisen Schritten Premysls orientieren, die am felsigen Boden kratzten. Ich erstarrte, als sich zum modrigen Geruch auch noch der nach toten Tier mischte. Die Wände waren nass und ich hoffte, dass es kein Blut war, das daran klebte. Genauso hoffte ich, dass es Wasser war, das von der Decke hin und wieder auf meinen Kopf tropfte und kalt an meiner Stirn herunterrann. Ich versuchte mich weiter vorzuwagen, musste Haltung wahren und erinnerte mich an Premysls Schrecken, als wir uns in den Kampf um das Dorf südlich der Festung Sarka geworfen hatten. Nun aber lief er voran, als spürte er nicht einen Hauch von Furcht. Wir tasteten uns weiter, bis endlich ein Schein zu sehen war. Es war ein schwaches Flackern einer Fackel oder eines kleinen Feuers. Ich konnte die Umrisse Premysls erkennen, der erstaunlich nahe vor mir einen Fuß vor den anderen setzte. Ich hatte ihn weiter weg vermutet, war aber nicht unglücklich, mich getäuscht zu haben. Es wurde mit jedem Schritt heller. Die Höhle war groß, die Wände hoch. Wasser sammelte sich am Boden in kleinen Felsspalten und spiegelte das Licht der Flammen wider. Feine Tröpfchen glitzerten in Spinnenweben an der Decke und ich war dankbar, nicht in solch ein klebriges Netz gelaufen zu sein. Vermutlich hätte ich aufgeschrien wie ein Mädchen.
„Komm jetzt“, forderte mich Premysl auf und winkte mich hinter sich her, ohne mich anzuschauen. Es wurde heller. Ich folgte ihm und schon bald erreichten wir einen kleinen Durchgang zu einer weiteren Höhle, von der der Feuerschein ausging. Premysl lief in den Eingang und blieb stehen. Ich schritt neben ihn und mein Blick fiel zuerst auf die Flammen, dann auf das, was dahinter war. Ich hatte viele Frauen gesehen. Ich hatte viele Frauen anderer Länder gesehen, aber was sich mir in diesem Augenblick für ein Anblick bot, als ich das Gesicht hinter dem Feuer erblickte, raubte mir den Atem. Da war sie, die Zauberin, die wir gesucht hatten. Sie saß auf einem mit Fellen ausgelegten Stein und rieb sich die Hände, um sie an den Flammen zu wärmen.
Was hatte ich erwartet, als Premysl mir erzählte hatte, dass eine Hexe in diesem Berg hauste? Eine Weissagerin, die im ganzen Land bekannt war, die von jedem Mann besucht wurde, um ihre Hilfe und ihren Rat zu erflehen. Wenn ich zurückblicke, hatte ich klare Vorstellungen gehabt, als ich die Höhle betreten hatte. Vor meinem inneren Auge war eine alte und bucklige Frau erschienen. Hässlich und voller Haare. Mit langen Fingernägeln, die zugespitzt waren, um sich ohne Probleme ins Fleisch von Mensch und Tier zu bohren, um so an das Blut ihrer Opfer zu gelangen. Zu meiner Verwunderung lag ich mit all dem falsch, hatte mich mit all den Bildern vollkommen getäuscht.
Die Hexe war jung. So jung, dass mir klar wurde, warum Premysl kaum Angst, sondern Freude verspürte, ihr zu begegnen und warum alle Männer dieses Landes ihre Gesellschaft suchten. Sie sah fremdartig aus, aber unglaublich schön. Schwarze Haare, so schwarz wie die Finsternis, durch die wir gegangen waren, hingen ihr gepflegt und glatt bis auf die vollen Brüste, die von einer Tunika verborgen waren. Die Tunika leuchtete in edlem Rot, wie ihre Lippen, die vermutlich mit Blut gefärbt waren und im Feuerschein glänzten. Sie hob ihre Hände in die Flammen und bewies, dass sie nicht nur schön, sondern tatsächlich auch eine Zauberin war. Sie hätte sich verbrennen müssen, tat es aber nicht. Stattdessen erspähte ich farbige Muster, die ihre schlanken Finger und Hände verzierten und verschlungen auf den Oberarmen und unter der Tunika verschwanden. Lange hielt sie ihre Hände ins Feuer und doch waren keinerlei Verbrennungen zu sehen, als sie sich erhob und mich über die Flammen hinweg anstarrte. Schwarze Augen. Bei allen Göttern, sie hatte schwarze Augen. Ich wusste nicht, ob ich nach hinten taumeln oder nach vorne fallen sollte. Sie schaute mich an und ich vergaß alles, was ich bisher erlebt hatte. Als sie ihre vollen Lippen leicht öffnete, schwindelte es mir. Ich spürte, wie die Zauberin mein Herz mit ihren Gedanken umschloss und musste mich an Premysls Schultern festhalten. Mein Gefährte wollte seine Stimme erheben, wurde jedoch mit einer Handbewegung zum Schweigen gebracht. Die Frau lief um das Feuer herum und stellte sich mir gegenüber. Sie war nicht groß. Sie war so jung und so schön, ihre Augen so schwarz wie ihre Haare, so dunkel wie die Nacht. Sie strich mit ihren feuerwarmen Händen durch meinen Bart und kratzten mit ihren langen Fingernägeln an meinem Hals. Ein Schauder lief durch meinen ganzen Körper, dann beugte sie sich zu mir, kam immer näher und ihre Lippen berührten meine. So sachte und zart. Wärme durchströmte erst mein Gesicht, dann meinen Körper. Ich schluckte schwer. Und dann, nach diesen unendlichen Augenblicken, in denen ich nur aus Sinnlichkeit bestanden hatte, hörte ich ihre Stimme: „Ich begleite dich und wir werden siegen. Wratislaw wird unter deinem Schwert bluten und im roten Saft des Feindes werden die Felder Böhmens zu neuen Ähren erwachsen.“
Sie sprach in meiner Sprache. Aber es war ein gebrochenes Nordisch, das mich nicht genau erkennen ließ, ob sie Ähren oder Ehren gesagt hatte. Vermutlich stimmte beides, aber was spielte das für eine Rolle. Ich hatte nie an unserem Sieg gezweifelt und die Zauberin nur zur Ermutigung der Krieger nach Levy Hradec holen wollen, doch mit ihren Worten, mit ihren Berührungen hätte ich die gesamte Welt unter meinem Schwert erzittern lassen können. „Wie ist dein Name?“, fragte ich und meine Stimme klang lächerlich hoch.
„Mokuscha, die schwarze Tulpe“, sagte sie. Ein seltsamer Name, aber es war eine seltsame Frau. Eine so geheimnisvolle Frau, eine so schwarze Schönheit, die mich längst verzaubert hatte.