Interpretationsansatz 


Bei meinen Buchvorstellungen behaupte ich, die Liebe zwischen Bithia und Ragnar sei sehr symbolträchtig. Sie steht für den Einfluss des Christentums auf die nordische Welt.

Zunächst will ich darüber aufklären, dass ich im Buch und auch in dieser kurzen Interpretation von christlichen Werten schreibe, selten aber vom Christentum als Ganzes. Unter diesen Werten verstehe ich persönlich besonders die Nächstenliebe und den damit verbundenen Frieden. Da diese Einstellung meiner Meinung nach in keiner Weise auf christliche Machtansprüche zutrifft, reduziere ich den Glauben der betreffenden Charaktere an das Gute in der Welt lediglich auf die Werte, die in den Grundzügen des Christentums verankert sind.

Im Folgenden möchte ich nun gerne eine kurze Interpretation dazu schreiben, wie der Einfluss der Liebe von Ragnar zu Bithia, ihr Glaube und die Verbindung zu Ansgar den gesamten Handlungsstrang von "Das Schicksal der Götter" beeinflusst.


Der erste Augenblick, der erste Kontakt von Ragnar zu Bithia findet beim Überfall auf Lindisfarne statt. Es scheint nur ihre Schönheit zu sein, die den Protagonisten anzieht und doch berührt Bithia auch seine Seele. Dieser Funke lodert mit der weiterführenden Geschichte immer weiter auf, bis die Flammen in Kapitel 4 zu einer Wende im Leben des Protagonisten führen. Ragnar war den Männern in Randaberg blind und ohne Rücksicht auf seine individuelle Identität gefolgt. Mit der Hilfe Bithias lichtet sich der Nebel. Nach dem Sturm aus Gewalt und Brutalität sieht er wieder klar. Die Reise in den Osten ist die Folge dieser Gedankenwende und vor allem auch die Folge des Einflusses der christlichen Werte. Obwohl Ragnar niemals zum Christentum konvertiert, keimen seit seiner Begegnung mit Bithia friedfertigere Gedanken in ihm, die in seinen Vielgötterglauben integriert werden. Zum ersten Mal bewusst wird ihm das während des Gespräches mit Ansgar in Kapitel 8, welches zu einer noch weitreichenderen Reise Richtung Birka führt und den Übergang zur zweiten Hälfte des Romans im Reich der Rus darstellt. Ragnar will die Gefühle und die Sehnsucht, die seine Frau ans Licht trägt, vervollkommnen. Bithia, als Symbol für die christlichen Werte, ist längst ein Teil seiner eigenen Seele geworden. Meine Interpretation könnte so deutlich werden, Bithia sogar als eine solch intensive Verbindung zu Ragnar darzustellen, dass beide Menschen zu einer einzigen zerrissenen Seele verschmelzen. Ragnar und Bithia werden eins. Eine Seele mit starker Zerrissenheit, wie sie in jedem von uns in vielen Lebenssituationen vorkommt. (Eine Leserin hat dies genau erkannt und mich auf die Theorie der Kugelmenschen von Platon aufmerksam gemacht, an die sie sich während des Lesens erinnert fühlte. Vielen Dank an Lisa.)
Ragnar versucht die Werte des Christentums auch oder gerade im Land der Rus durchzusetzen. Er kämpft und tötet in vielen Schlachten für diese Werte. Handlungen, die in sich kontrovers sind und die Spaltung seiner Seele weiter vorantreibt. Im Streit mit Bithia vor der Reise nach Kiew wird das am deutlichsten. Er opfert einen Teil seiner Seele, lässt seine Frau zurück, zieht alleine in den Kampf, versucht mit all seiner Leidenschaft, mit all seinem Sein, eine heile Welt zu erschaffen und findet doch nur Gewalt und Tod. Als schließlich der Wahnsinn in Olga fährt, flieht Ragnar ein weiteres Mal. Er flieht zurück zu seiner Bithia und in dem Moment, als er sie sieht, verschmelzen beide Teile dieser „einen“ konfliktreichen Seele vollends miteinander. Keine Zerrissenheit mehr, sondern ein Kompromiss entsteht. Mit dem bewusst angedeuteten Höhlengleichnis am Ende von Kapitel 20, als Ragnar sagt:  "Nach all dem Hass, den wir erleben mussten, kam mir Bithia wie die reinste Glückseligkeit vor. Es war, als würde ich aus einer Höhle voller Schatten zum ersten Mal die Sonne erblicken.", wird deutlich, dass der Kampf für eine friedvolle Welt nur ein Abbild vom Abbild war. Niemals werden die Werte des christlichen Glaubens Realität werden. Friede findet man nur in der bedingungslosen Liebe. Dies ist der einzige Zufluchtsort für das Herz eines Menschen. Die Liebe ist die alleinige Möglichkeit, allen Grausamkeiten und Konflikten zu entfliehen, seine innere Ruhe zu finden. Man ist verbunden mit einem einzelnen anderen Menschen, hat aber mehr denn je das Gefühl man selbst zu sein. Das wird beiden, Bithia und Ragnar klar! Sie verschmelzen zum ersten Mal zu einer Seele ohne jegliche Konflikte. Sie wissen, dass sie den Frieden nur in sich und in ihrer Liebe finden. Sie wissen, dass eine weitere Flucht nach Konstantinopel sinnlos aber doch unausweichlich ist. Sie fliehen in eine Stadt, die mit der Hagia Sophia, der ehemals größten und bedeutungsvollsten Kirche der Welt, ein Sinnbild für das Christentum und für Ragnar und Bithia ein Symbol für die christlichen Werte darstellt, die sie in sich gefunden haben. Ihre Liebe stellt den Einfluss des Christentums auf die nordische Welt dar und dieses Sinnbild ist: "Das Schicksal der Götter"!